“Gemma auf’n Keller?” – Ein fränkisches Lebensgefühl#
Wer in Franken einen “Biergarten” sucht, wird oft korrigiert: Hier geht man “auf den Keller”. Und das ist wörtlich gemeint. Historisch gesehen lagerten die Brauereien ihr Bier in tiefen Felsstollen, um es vor der Erfindung elektrischer Kühlung frisch zu halten. Um das Bier nicht mühsam zurück ins Tal zu schleppen, wurde es direkt über dem Eiskeller unter schattigen Kastanien oder Eichen ausgeschenkt.
Ein Besuch auf dem Keller ist mehr als nur Trinken. Es ist gelebte Entschleunigung, ein Treffpunkt für Familien, Wanderer und Stammtische. In diesem Guide erfahren Sie alles, um nicht als “Preiß” (Tourist) aufzufallen – von der Bestellung bis zur Brotzeit-Etikette.
Der “Keller-Knigge”: 3 Regeln, die jeder kennen muss#
1. Das “Brotzeitrecht”#
Dies ist das heiligste Gesetz der fränkischen Kellerkultur (das übrigens auch in der bayerischen Biergartenverordnung verankert ist): Essen darf mitgebracht werden, Getränke werden gekauft. Sie sehen oft Familien, die Tischdecken ausbreiten und Tupperdosen mit Radieschen, Presssack, Obatzda und Bauernbrot auftischen. Das ist ausdrücklich erlaubt und erwünscht! Natürlich bieten die Keller auch hervorragende warme Küche an (Schäuferla, Bratwürste, Schnitzel), aber die eigene Brotzeit gehört zur DNA.
2. “Seidla” und “Schnitt”#
Wer ein “großes Bier” bestellt, outet sich.
- Seidla: Der Standard. Ein halber Liter Bier, meist im Steinkrug (Keferloher).
- Maß: Ein Liter. Auf den meisten Kellern eher unüblich (außer auf Festen wie dem Annafest), hier dominiert das Seidla.
- Schnitt: Wer eigentlich schon genug hat, aber noch “eins mitdrinken” will, bestellt einen “Schnitt”. Das ist ein zügig halbvoll geschenktes Seidla (bezahlt wird aber oft etwas mehr als die Hälfte). Ein Zeichen von Geselligkeit zum Abschluss.
3. Selbstbedienung ist King#
Auf den meisten klassischen Kellern herrscht Selbstbedienung – zumindest für Getränke. Man holt sich sein Seidla direkt am “Ausschank” und spült seinen Krug oft vorher selbst kurz am Brunnen aus (Krug-Wasch-Station). Essen wird teils serviert, teils an einer separaten Hütte (“Küche”) bestellt und per Nummer aufgerufen.
Ausrüstung für den Keller-Profi#
Damit der Ausflug perfekt wird, packen Einheimische gerne ein kleines “Überlebenspaket”.
Die schönsten Bierkeller: Unsere Favoriten#
Franken hat die höchste Brauereidichte der Welt. Die Auswahl ist riesig, aber diese Keller sind echte Institutionen.

1) Spezial-Keller (“Spezi”), Bamberg#
Sternwartstraße 8, Bamberg | Zur Website Dieser Keller bietet wohl den schönsten Blick auf das UNESCO-Weltkulturerbe Bamberg. Nach einem steilen Aufstieg (“Stephansberg”) belohnt man sich mit einem rauchigen Rauchbier (Geschmackssache, aber Kult!).
- Ambiente: Historisch, städtisch, grandioses Panorama auf den Kaiserdom.
- Tipp: Probieren Sie das “Schäuferla” hier – legendär zart.
2) Kellerwald, Forchheim#
Forchheim | Zur Website Ein Phänomen: Ein ganzer Wald mit 23 Bierkellern! Hier findet Ende Juli das berühmte Annafest statt. Aber auch unterm Jahr haben diverse Keller (z.B. Greif, Hebendanz, Glocken-Keller) geöffnet.
- Ambiente: Waldig, urig, riesige Auswahl.
- Tipp: Ideal für “Keller-Hopping” (von einem zum nächsten).
3) Roppelt’s Keller, Stiebarlimbach#
Am Fuße des Kreuzberges / Stiebarlimbach | Zur Website Ein verstecktes Juwel nahe Hallerndorf. Mitten im Wald gelegen, mit einem traumhaften Spielplatz für Kinder.
- Ambiente: Sehr familiär, mitten in der Natur.
- Tipp: Verbinden Sie den Besuch mit einer Wanderung auf dem Brauereiwanderweg. Hier gibt es oft deftige Hausmacher-Platten.
4) Löwenbräu Keller, Buttenheim#
Kellerstraße, Buttenheim | Zur Website Am Ortsrand von Buttenheim gelegen, sehr idyllisch unter alten Bäumen.
- Ambiente: Klassisch fränkisch, viel Holz, Schotterboden.
- Tipp: Das ungespundete Lagerbier (“Ungespundetes”) ist sehr süffig, kohlensäurearm und eine echte Spezialität des Hauses.
Saison & Öffnungszeiten: “Sobald die Sonne scheint”#
Die “Kellersaison” hat keine festen Daten wie Ostern. Sie beginnt meist im April/Mai, sobald die Temperaturen es zulassen, und geht bis in den Oktober (“Altweibersommer”).
- Faustregel: “Ist das Wetter schön, ist der Keller offen.”
- Ruhetage: Viele Keller haben Montag/Dienstag Ruhetag. Checken Sie (wenn möglich) Google Maps oder Webseiten, aber oft entscheidet das Wetter kurzfristig (“Biergartenwetter”).
Passende Wander-Kombinationen#
Ein Kellerbesuch schmeckt doppelt so gut, wenn man ihn sich “erlaufen” hat.
- Für Bier-Wanderer: Der Klassiker ist der “Fünf-Seidla-Steig” in der Fränkischen Schweiz.
- Route: Weißenohe (Bhf) nach Gräfenberg (Bhf) – ideal mit der Gräfenbergbahn (R21) erreichbar.
- Länge: ca. 10 km (einfach) oder 19 km (Rundweg).
- Info: Offizielle Website
- Für Ausdauernde: Der Brauereiwanderweg Aufsess verbindet 4 Weltrekord-Brauereien auf ca. 14 km (Rundweg).
- Für Genuss-Radler: Entlang des Main-Radwegs gibt es viele Abstecher zu Kellern.
- Essen: Was genau auf die Brotzeitplatte gehört (Wurst, Käse, Kren), erklären wir im Überlebensguide zur Fränkischen Brotzeit.
FAQ: Häufige Fragen zum Kellerbesuch#
Darf ich wirklich mein eigenes Essen mitbringen? Ja, absolut! Achten Sie nur darauf, keine Getränke mitzubringen. Besteck und Teller sollten Sie ebenfalls selbst dabei haben, wenn Sie Selbstversorger sind. Manche Keller “leihen” Teller gegen Pfand, aber darauf sollte man sich nicht verlassen.
Sind Hunde erlaubt? Auf fast allen fränkischen Kellern sind Hunde herzlich willkommen (oft gibt es Wassernäpfe). Leinenpflicht ist jedoch meist Gebot, da es oft voll und wuselig zugeht.
Was bedeutet “Ungespundetes”? Ein typisches Kellerbier. Es lagert im Fass ohne “Spund” (Verschluss), wodurch die Kohlensäure entweichen kann. Das Bier ist dadurch weniger spritzig, sehr bekömmlich (“läuft gut”) und meist naturtrüb.
Kann man mit Karte zahlen? Vorsicht! Auf vielen traditionellen Kellern gilt (noch): “Nur Bares ist Wahres”. Vor allem an den Getränkeausgaben im Wald gibt es oft keine Kartenlesegeräte. Nehmen Sie immer ausreichend Bargeld mit.



